Folien werden an verschiedensten GegenstĂ€nden gerieben, gepresst, etwas in sie eingedrĂŒckt, sie werden aufgebracht und wieder abgezogen. Sie werden zu Spuren des Kontakts, der sich in sie einprĂ€gt, als etwas immer schon Vergangenes. SpĂ€ter werden mehrere dieser Folien miteinander kombiniert, ineinander verschmolzen, wieder auseinander gerissen, zerschnitten, zusammengefĂŒgt bis eine Körperlichkeit der OberflĂ€che entsteht.
In dieser Arbeitsweise steckt ein Bruch mit dem klassischen VerstĂ€ndnis des Malenden, die oder der vor einer Leinwand steht und eine mehr oder minder klare Vorstellung oder Wahrnehmung mit dem Pinsel versucht auf eine OberflĂ€che zu bannen. Das Material - die Folien und Farbe werden in einem Prozess zu etwas, das sich eben aus genau diesem Prozess ergibt. An ihnen lĂ€sst sich die Zeit und die Kraft spĂŒren, die es brauchte um zu etwas zu werden, das im Zusammenspiel von Maler und Material seine Form gewinnt. Die Arbeiten erweitern die OberflĂ€chenhaftigkeit der Malerei hin zum Skulpturalen bis Installativen. Etwas entsteht, das die permanente Wiederholung einer Struktur, ihre Prozesshaftigkeit, die notwendige Reproduktion zum Erhalt, gestoppt hat und sich uns darlegt. Als Betrachtende, werden wir Zeug_in, die oder der erst nach dem Akt zum Geschehen hinzutritt und dessen ĂŒberbleibende Spuren erblickt.
Verschiedenste Assoziationen werden durch die Arbeiten evoziert, die von den Erinnerungen an geliebte Haut und obszöne Fleischlichkeit, hinzu verklĂ€rter Landschaft und urbaner Architektur reichen. Alles ist Spur, Restzeichen, die auf etwas Abwesendes verweisen, das aber scheinbar die Bedingung der Möglichkeit der Existenz der Objekte/Subjekte darstellt. Ganz so als wollte Enrico Niemann, dem Erlebten eines Menschen, das sich uns eigentlich nie oder nur als Widerschein in ErzĂ€hlungen andeutet, eine Sichtbarkeit verleihen, uns darauf stoĂen, dass dies Lebendigkeit ausmacht. Die Faszination, die uns beim Betrachten der Arbeiten ergreift, scheint jener zu Ă€hneln, die wir Geliebten gegenĂŒber empfinden und uns gleichsam auf jene Grausamkeiten aufmerksam zu machen, die sonst nur in ihrer NĂ€he ertrĂ€glich sind: die Verletzbarkeit unseres eigenen Fleisches und unserer IdentitĂ€t. Der begehrte und geliebte Körper ist zugleich eine undurchdringbare OberflĂ€che, eine Landschaft, etwas Lebendiges, eine Ansammlung von Erfahrungen und Empfindungen; ein Subjekt, das mit jedem Blick und Wort den wir an es richten, neu erschaffen wird und sich selbst erschafft. Die UmhĂŒllung, der Ăberzug einer Form, die uns immer wieder glauben lĂ€sst, das Subjekt unsere Begehrens wĂ€re Innen und wir mĂŒssten durch die FlĂ€che zu ihr oder ihm vordringen, es durchdringen, in es eindringen. Der Ort des Seins, des Lebens, des Begehrens, liegt irgendwo dazwischen, nicht obenauf und auch nicht dahinter. Mit der Idee eines inneren authentischen Ichs wurde gebrochen. Was bleibt ist die Grenze an der Ich und Begehren konstituiert werden und sich selbst erschaffen, die Haut, das Fleisch, die Vielschichtigkeit. Der Ort des eigenen Begehrens und der Anderen, eine unerklĂ€rliche, pulsierende Leerstelle zwischen dem Sichtbaren, die nie fassbar ist, aber an den Spuren die sie hinterlĂ€sst, fĂŒhlbar. Enrico Niemanns Arbeiten machen dies sichtbar, es ist, als zeigen sie jene Empfindung, die sich mit den Worten ausdrĂŒcken lĂ€sst: Du hast dich in mich eingedrĂŒckt. So als könnte man die Zeichen sehen, die eigentlich immer nur im nachhinein die IntensitĂ€t der Leidenschaft rekonstruieren, sie jedoch nie begreifbar machen. Die sonst nur in der Erinnerung das aufscheinen lassen, was mit dem eigenen Ich geschehen ist, wie es sich verĂ€ndert hat durch die Begegnung mit Anderen. So zitieren auch die Gesten des Zerschneidens, Zerfetzens, Verschmelzens, Abziehens und wieder Aufbringens, weder ein chirurgisches noch ein sadistisches Interesse der oder dem Anderen die Wahrheit des Lebens oder des Begehrens zu entreiĂen, noch eine romantische VerklĂ€rung, welche nach totaler AnnĂ€herung, Einverleibung strebt; hingegen eröffnen sie einen Raum des Erkennens, dass sich Individuen ihrem Bergehren an Anderen aufs maximalste annĂ€hern können, ohne sich oder die Anderen dabei zu verlieren, sondern sich genau darin zu erschaffen; ein Wissen das beschreibt, dass Begehren nur dann existiert wenn es seinen nicht-existenten Ort zugestanden bekommt, der irgendwo zwischen den Schichten liegt, seine Spuren hinterlĂ€sst.
Theresa Lunau, 2010